Politischer Aktionismus: Schluss mit der Wohlfühlkultur

Haltung zeigen ist bequem, wenn man damit junges Publikum anziehen kann und öffentlich nicht aneckt. Aber politische Veränderung passiert nicht, wenn es opportun sein muss. Was passiert, wenn Kunst aus der Komfortzone kommt und tatsächlich Ärger macht? Von feministischem Brauchtum, Kopftüchern von HCStraChe bis Volkskanzler gibt es auch neuere aktionistische Impulse.

Politischer Aktionismus von David Prieth: Der Volkskanzler

Die Gesellschaft ist politisiert und polarisiert wie lange nicht mehr. Und doch entwickelt sich der Kultursektor antithetisch zu dieser Entwicklung: In den 1990er- und frühen 2000er-Jahren schien Kunst und Kultur politisch viel interventionsfreudiger als heute. Damals sorgte Christoph Schlingensiefs „Ausländer raus“-Container für internationale Debatten. Hubsi Kramar spazierte als Adolf Hitler zum Opernball. Kunst provozierte, störte und mischte sich ein.
Heute gehört Diversität, Queerness oder Feminismus zwar vielerorts zum Selbstverständnis kultureller Institutionen, doch oft bleibt der Eindruck, dass diese Positionierungen innerhalb eines akzeptierten, institutionellen Rahmens stattfinden sollen. Es geht nicht um Subversion, sondern um Einigung. Keine politischen Impulse, sondern Schulterklopfer.

 

Kopftücher von HC StraChe

Doch Menschen wie David Prieth suchen nach Wirkung statt Etikette. Der Innsbrucker Kulturarbeiter verfolgt eine Form des politischen Aktionismus, die bewusst Reibung erzeugt, um sich einer politischen Entwicklung zu widersetzen – und dabei auch schon mal das Risiko persönlicher Angriffe in Kauf nimmt. „Ich schmeiß mich in eine Situation rein und muss halt auch mit der maximalen Konsequenz leben und umgehen können“, sagt Prieth. Bekannt wurde er durch eine Intervention rund um Heinz-Christian Strache.
Als er feststellte, dass die Domain hcstrache.at nicht registriert war, entwickelte er daraus ein fiktives Modelabel: „HC StraChe – Haute Couture Straßenchefin“. Die Aktion reagierte auf die damalige politische Debatte um Kopftuchverbote und antimuslimische Ressentiments: „Wie gut wäre es, wenn HC Strache Kopftücher verkaufen würde, um damit integrative Flüchtlingsprojekte zu unterstützen?“

Es war eine Intervention, die weniger auf moralische Empörung setzte als auf Ironie. Die politische Botschaft entstand durch eine absurde Umdeutung eines Symbols. Die Reaktionen waren allerdings alles andere als humorvoll. Prieth berichtet von massivem Druck und Bedrohungen. Sogar seine Arbeitsstätte wurde Ziel aggressiver Angriffe.

 

Feministisches Brauchtum


Dass politische Interventionen nicht nur im digitalen Raum erfolgen, zeigt die Theatermacherin Julia Jenewein. Sie gehört zu den Initiatorinnen von Fasnacht Forward, einer feministischen Neuinterpretation des Tiroler Brauchtums. Aus diesem Umfeld entstand die Performancegruppe Die Bluatenden. Die Gruppe knüpft bewusst an die Tradition der „Blutigen“ an, verschiebt deren Bedeutung aber. Statt männlich dominierter Brauchtumsfiguren stehen Menstruation, Schwangerschaft, Selbstbestimmung, Abtreibung und weibliche Körperlichkeit im Mittelpunkt. Blut wird nicht als Tabu behandelt, sondern sichtbar gemacht.

„Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers,“ meint Jenewein zur Aktualisierung des Brauchtums. Dafür wurde ihnen schon Gewalt angedroht. Besonders auffällig sei die unterschiedliche Bewertung dessen, was Frauen und Männer im Brauchtum dürfen: „Da gibt es eine Doppelmoral. Frauen werden mit zweierlei Standards gemessen.“


Kampfbegriffe entwerten: Der Volkskanzler

Während rechte Parteien die Grenzen des Sagbaren seit Jahren erfolgreich verschoben haben, begannen sie vor ein paar Jahren immer häufiger den Begriff „Volkskanzler“ zu verwenden. So beschloss Prieth, das Wort markenrechtlich schützen zu lassen. Nach einem langwierigen juristischen Verfahren erhielt er tatsächlich die Rechte. Das Ergebnis: Rechtsextreme Händler konnten Sticker, T-Shirts und andere Fanartikel mit dem Begriff nicht mehr ohne Risiko vertreiben. Prieth versteht die Aktion als Form kultureller Gegenwehr: „Wir müssen uns nicht nur von denen immer alle Begriffe entwerten lassen. Wir können Kampfbegriffe genauso reclaimen.“

Der Aktivismus kostete ihn nach eigener Schätzung mehrere tausend Euro. Wirtschaftlich war das Projekt ein Verlustgeschäft. Politisch betrachtet jedoch ein Erfolg: „Es hat diese zwei, drei Wochen gegeben, da war Volkskanzler einfach das Witzwort Nummer eins,“ zeigt sich Prieth zufrieden.


Die Angst der Kultur vor der Angreifbarkeit

Die Geschichten wirken heute fast ungewöhnlich. Nicht deshalb, weil Kultur keine politischen Themen mehr behandelt, aber zwischen einem Mantra aus Schlagwörtern und echter Intervention liegen Welten. Wer heute Kultur organisiert, verbringt oft mehr Zeit mit Anträgen als im Diskurs, jongliert mehr mit Kennzahlen als Provokationen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum politische Kunst heute häufig dort entsteht, wo Einzelne bereit sind, persönliche Risiken zu tragen. Das ist eigentlich schade, denn Kollektive schaffen Sicherheit, federn Angriffe ab. Aber womöglich zählt die institutionelle Kultur dafür tatsächlich schon zu sehr zum Establishment. Vielleicht ist deshalb das Kontroverseste, dass von ihnen kommt, einen Milliardär mit fragwürdigen Ansichten ein Podium bieten zu wollen, wie bei den Festwochen und Peter Thiel.

Wir reden heute sehr viel über Positionen und zu wenig über politische Handlungen. Eine Position ist billig, solange sie niemanden berührt. Erst in der Konsequenz zeigt sich der Preis. Und vielleicht liegt genau darin die unbequeme Frage: Wollen wir Menschen nur mehr dazu bewegen, Eintrittskarten zu kaufen? Oder glauben wir noch daran, dass Kunst und Kultur in dieser Gesellschaft noch mehr in Bewegung setzen kann?  Wenn wir es mit unseren Werthaltungen ernst meinen, dürfen wir keine Angst davor haben, dass jemand unsere Arbeit zur Diskussion stellen könnte – denn genau das ist ein Zeichen dafür, dass die Gesellschaft auf sie reagiert. 
 

 

 

 

Podcast: Gespräch "Politischer Aktionismus"

Warum sind wir eigentlich zu so einer weichgespülten Wohlfühlkultur geworden, während die Welt in allen möglichen Krisen untergeht? Was passiert, wenn Kunst nicht nur Haltung zeigt, sondern tatsächlich Ärger macht?
Podcast auf Spotify, Apple Podcasts, Youtube oder CBA anhören!          

 
Aber echt. Machst du auch „was mit Kultur“? Der Podcast der IG Kultur mit Patrick Kwasi. 
Kultur macht Gesellschaft? Aber wer macht eigentlich Kultur? Was will ich hier eigentlich und was hat das Ganze mit mir zu tun? Patrick Kwasi von der IG Kultur zu Hoch-, Sub- oder auch mal Unkultur - aber jedenfalls immer persönlich mit den Leuten, die da auch drinstecken. Machst du eigentlich auch „was mit Kultur“?

Abonnieren auf CBA, Spotify, Youtube, Apple Podcasts. 

 

Patrick Kwasi macht „was mit Kultur“, sonst macht er auch was mit Medien. Er hat Medienkommunikation studiert und macht die Medienarbeit der IG Kultur. 

Sag ihm, was du von dem Beitrag hältst!